2: Pottporus Festival 06

URBAN STREET ART FESTIVAL IN HERNE
Konzeptskizze
Das PottPorus Festival ist ein internationales Zusammentreffen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die in der Straßenkultur verwurzelt sind und sie qua ihrer künstlerischen Potentiale ständig fortentwickeln.
Vorüberlegung
Vor dem Hintergrund der vorhergesagten demographischen Entwicklung der Bundesrepublik ist die Integration von Jugendlichen mit einem transnationalen Hintergrund ein vorrangiges Thema. Politik wird sich in Zukunft daran messen lassen müssen, inwieweit sie es versteht, die teils perspektivlosen Jugendlichen und jungen Erwachsenen, deren Eltern als Arbeitsmigranten nach Deutschland gekommen sind, in das deutsche Gemeinwesen einzubinden.
Die derzeitige Politik, dass allein in Nordrhein-Westfalen - und vor allem im Ruhrgebiet - jährlich tausende Schulabgänger ins Abseits der Arbeitslosigkeit gestellt werden, erhöht die Wahrscheinlichkeit der sozialen Isolation und Ausgrenzung.
Dies gilt vor allem für Jugendliche und junge Erwachsene mit einem so genannten Migrationshintergrund. In ihnen wächst die Frustration über fehlende gesellschaftliche Akzeptanz. Von daher wundert es nicht, dass die Straßenkultur, in der weder die Religionszugehörigkeit, Schulbildung noch die Kontrolle des kulturellen Territoriums eine Rolle spielen, auf diese Zielgruppe eine ungebrochene Faszination ausübt und etliche Protagonisten veranlasst, selbst zu Akteuren zu werden.

Idee
Die Idee zu einer Bündelung von kreativen Potentialen in einem Sparten übergreifenden Festival der Straßenkultur ist aus der kaum noch zu leugnenden Internationalität der Städte geboren worden. Seit 1999 wird dieser Tatsache in Herne Rechnung getragen und äußert sich im Ruhrpott Battle, eines in Deutschland und über die Landesgrenzen hinaus anerkannten Straßentänzer-Wettstreite, die jedes Jahr in den Flottmann-Hallen in Herne ausgetragen werden. Diese Battle-Kultur, ausgehend vom inzwischen geschlossenen Haus der Jugend im Wanne-Eickeler Stadtteil Bickern, bildet die Urzelle des PottPorus Festivals.
Wortmarke
Das Kunstwort PottPorus setzt sich aus den Begriffen Ruhrpott, Symbol für den Melting Pot Ruhrgebiet, und Bosporus zusammen. (Anmerkung: Der Bosporus trennt geographisch die europäischen von den asiatischen Stadtteilen der Megalopolis Istanbul. Über die Galatasaray-Brücke werden diese Stadtteile miteinander verbunden.)
Die Initiatoren des Festivals - Zekai Fenerci und Kurt Schrage - verstehen sich im übertragenen Sinne als Brückenbauer zwischen den unterschiedlichen Lebenswelten von Jugendlichen, die sich der internationalen Straßenkultur zugehörig sehen. Das sind B-Boys und B-Girls (das B steht je nach Deutung für Beat oder Bad), DJs, Sprayer, Videografiker, Filmemacher, Fotografen und andere. Während des PottPorus Festivals bieten die Initiatoren den Akteuren eine Plattform, sich visuell, musikalisch und tänzerisch auszudrücken.

Renegade Theatre
Das Renegade Theatre ist in Person von Zekai Fenerci ein Mitorganisator des Pottporus Festivals. (Renegade wurde 2003 von Zekai Fenerci und Markus Michalowski in Herne gegründet.) Das Theater der Abtrünnigen produziert Stücke wie “Rumble”, “41″, Streetlife” oder “Cage”, in denen ausgebildete Tänzer von der Folkwang-Hochschule in Essen mit einigen der besten deutschen Straßentänzer auf dem Tanzboden agieren. Auch hier steht die Integration von Straßentänzern im Vordergrund.
Diese Aufhebung der Trennlinien zwischen so genannter Sub- und Hochkultur hat sich als Erfolgsrezept des in Herne angesiedelten Renegade Theatre erwiesen.
Das erste Stück mit dem Titel “Rumble”, eine straßentaugliche Adaption des Shakespeare-Klassikers “Romeo und Julia”, zählt inzwischen zu den erfolgreichsten europäischen Tanztheaterstücken der Off-Szene. Nach den Erfolgen beim NRW Fringe Festival “Theaterzwang 2004″ und beim internationalen “Fringe Festival Edinburgh” 2004 ist das Ensemble auf Europatournee. Außerdem folgt das Renegade Theatre aus Anlass des 40. Jahrestages der Deutsch-Französischen Freundschaft Einladungen des Goethe-Instituts 2005 zum “Harare Festival” nach Simbabwe, im November 2006 nach Mali.
Wie aktuell die Inszenierungen des Renegade Theatre sind, verdeutlichen die Videotanzstücke “41″ und “Streetlife”. Sie thematisieren das aus Langeweile, Frustration und empfundener Ohnmacht gegenüber den politischen Verhältnissen bestehende Lebensgefühl der zweiten Zuwanderergeneration.
Wie brisant und zeitnah diese Themaen sind, zeigen die Jugendkrawalle in Frankreich. Dort haben die “vergessenen” Jugendlichen in den Vororten französischer Großstädte gewalttätig auf sich aufmerksam gemacht. Dass Jugendkrawalle mit ähnlicher Färbung auch in deutschen Großstädten denkbar sind, soll an dieser Stelle nicht herbeigeredet werden, sie sind aber, wenn Jugendarbeit weiterhin von der Politik mit Kürzungen drangsaliert wird, durchaus möglich.

Wurzeln der Ruhrpott Battles
Historisch ist der Straßentanz ein fester Bestandteil der HipHop-Bewegung, die Anfang der 1970er Jahre in den New Yorker Gettos der Afroamerikaner als Gegenreaktion auf die dort praktizierten Bandenkämpfe entstanden ist. Mit ihren vier Elementen Rap, Straßentanz, Graffiti, DJing bot die HipHop-Bewegung den Jugendlichen die Chance, Bezirksrivalitäten auf sportliche und phantasievolle Weise auszutragen.
Im Jahr 1992 entstanden als kreative Gegenraktionen auf die gewalttätigen Rodney King Riots in den Armenvierteln von Los Angeles die Straßentanzdisziplinen “Clowning” und “Krumping”. Initiiert wurde diese Bewegung von “Tommy the Clown”, der unter dem Eindruck der Krawalle beschloss, sein Leben zu ändern. Er fing an, als HipHop-tanzender Clown auf Kindergeburtstagen im Getto aufzutreten. Daraus entstand der Tanzstil “Clowning”, dessen Merkmale eine bunte Gesichtsbemalung, extrem schnelle, zuckende Bewegungen und artistische Freestyle Moves sind. Indes ist aus dem “Clowning die härtere Tanzvariante “Krumping” hervorgegangen, die bestimmt ist von aggressiveren Bewegungen.
Tanzen ist für die Akteure Frustbewältigung, Familienersatz und Identitätsfindung. Aus dem Tanz schöpfen sie kraft und Selbstbewusstsein.

Ruhrpott Battle
Der Ruhrpott Battle in den Herner Flottmann-Hallen hat sich seit 1999 zu einem der erfolgreichsten Kampftanz-Wettbewerbe in Deutschland entwickelt. Im Vordergrund steht hier nicht die kommerzielle Nutzung einer jugendlichen Ausdrucksform, vielmehr handelt der Ruhrpott Battle vom Reinheitsgebot einer seit den 1970er Jahren existierenden und letztlich international gewachsenen Jugendkultur. Mit einem Wort: Bei diesem Wettbewerb wird körperliche Energie in tänzerische Kreativität transformiert.
Die Tänzer stehen sich in “Arenaatmosphäre” auf dem Tanzboden gegenüber, versuchen, mittels akrobatischer Bewegungen, Gewitztheit und durch eine bessere Tanztechnik, den Respekt und die Anerkennung des Gegners zu erlangen. Alles an Provokationen ist erlaubt - nur eins nicht: Wer seinen Gegner anfasst, wird disqualifiziert.

B-Girl Champs
Geplant war es, im Rahmen des PottPorus Festivals 2006 die inoffizielle B-Girl-Weltmeisterschaft auszurichten. Sie sollte losgelöst vom Ruhrpott Battle in einer gesonderten Veranstaltung in den Flottmann-Hallen stattfinden. Aus terminlichen und organistorischen Gründen müssen die B-Girl Champs allerdings auf 2007 vertagt werden.
Zielsetzung der B-Girl Champs sit das Schaffen einer internationalen Kommunikationsplattform, die zur Vernetzung der B-Girls beitragen soll. Neben dem reinen Wettkampf wird darüber hinaus ein Internetportal eingerichtet, das den globalen Austausch der B-Girls fördern helfen soll.
Dance Workshops
Für die Dance Workshops gehen namhafte Tanztrainer, die selbst einmal in einem Jugendheim den Grundstein ihrer späteren Karriere gelegt haben, vor Ort in die Schulen, um einen ideellen Teil dessen zurückzugeben, der ihnen seinerzeit gegeben wurde. Entscheidender Punkt ist hierbei, dass die Workshop-Teilnehmer keine besonderen Grundvoraussetzungen erfüllen müssen: Wer tanzen lernen möchte, kann dies unter professioneller Anleitung tun.
Wie positiv dieses Angebot in den Schulen angenommen wird, belegen die Dance Workshops im Rahmen des 1. PottPorus Festivals 2005.
(Fortsetzung folgt.)

